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Debatte um den Erinnerungsort

Blick auf den Checkpoint Charlie

Blick auf den Checkpoint Charlie, August 2021 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Gesa Simons

Erste Initiativen

Wie in der gesamten Stadt begann die DDR auch am Grenzübergang Friedrich-/Zimmerstraße 1990 mit dem Abtragen der Grenzanlagen. Nach und nach verschwanden die Grenzmauer und die Sicherungsanlagen des Grenzstreifens sowie die Abfertigungsgebäude und die gewaltige Überdachung des DDR-Grenzübergangs. Das west-alliierte Kontrollhäuschen wurde am 22. Juni – anlässlich der Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen in Berlin – feierlich demontiert und dem Deutschen Historischen Museum übergeben. Heute ist es im Alliiertenmuseum zu sehen.

Angesichts des raschen Abbaus der Grenzanlagen gab es mahnende Stimmen und bürgerschaftliches Engagement für die zukünftige Nutzung des Checkpoint Charlies als Gedenk- und Erinnerungsort. Einer der AkteurInnen, die sich um den Erinnerungsort bemühten, war Rainer Hildebrandt, der Gründer und Leiter des Hauses am Checkpoint Charlie. Er ließ auf dem entstandenen Brachgelände an der Ecke Friedrich-/Zimmerstraße verschiedene Elemente der Grenzanlagen aufstellen und schuf so bereits 1991 eine Open Air-Ausstellung, die bis Ende 1993 zu sehen war. Zeitgleich führte das Land Berlin Verkaufsverhandlungen mit einer Investmentgesellschaft, die auf den Grundstücken an der Friedrichstraße ein „American Business Center“ errichten wollte. Dank bürgerschaftlichen Engagements wurde der Investmentgesellschaft im Kaufvertrag 1992 die Verpflichtung auferlegt, auf dem östlichen Grundstück an der Kreuzung Friedrich-/Zimmerstraße 600 Quadratmeter für eine Gedenkstätte zur Verfügung zu stellen. In den folgenden Jahren wurden drei von fünf geplanten Gebäuden errichtet und die Fläche des ehemaligen Grenzübergangs wesentlich überbaut. Dann meldete die Investmentgruppe jedoch Konkurs an. Die beiden Grundstücke an der Zimmerstraße, westlich und östlich der Friedrichstraße, blieben unbebaut. Der Kontrollturm als letzter Überrest des ehemaligen Grenzübergangs auf dem östlichen Grundstück fiel den Bauvorbereitungen allerdings noch zum Opfer. Er wurde im Jahr 2000 von den Investoren abgerissen – trotz der ursprünglichen Planungen, ihn in das Bauprojekt zu integrieren.

  • Abbriss der ehemaligen GÜSt Friedrichstraße/Zimmerstraße

    Abbriss der ehemaligen GÜSt Friedrichstraße/Zimmerstraße, Foto: Alwin Nachtweh

Erinnerungszeichen

Auf der ehemals West-Berliner Seite des Grenzübergangs ließ das Land Berlin Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre Installationen zur Erinnerung an den historischen Ort vornehmen: eine Kunstinstallation bestehend aus einem Leuchtkasten mit zwei Porträtfotos von einem amerikanischen und einem russischen Soldaten, eine Gedenktafel mit Fotografien und Informationen zur Panzerkonfrontation, eine doppelte Pflastersteinreihe zur Markierung des Verlaufs der Grenzmauer. Und auch das Haus am Checkpoint Charlie/Mauermuseum prägte zur selben Zeit den Erinnerungsort: Es ließ es eine Nachbildung des viersprachigen Sektorengrenzen-Schildes aufstellen und das alliierte Kontrollhäuschen auf einer Verkehrsinsel nachbauen, und zwar in der Version von 1961.

Debatten

In den Folgejahren gab es immer wieder Debatten um angemessene Formen des Erinnerns an diesem historischen Ort. Sie wurden durch Imbiss- und Souvenirbuden sowie Darsteller in Uniformen, die sich gegen Bezahlung als Fotomotiv vor dem Kontrollhäuschen anboten, und schließlich durch eine umstrittene Aktion des Mauermuseums/Haus am Checkpoint Charlie ausgelöst. Es ließ auf den unbebauten Flächen an der Kreuzung über 1.000 schwarze Holzkreuze in Erinnerung an die Todesopfer der innerdeutschen Grenze errichten und 120 Mauersegmente aufstellen. In Politik und Öffentlichkeit mehrten sich die Forderungen an das Land Berlin, etwas zu unternehmen. Der Senat von Berlin reagierte und ließ ein Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer erarbeiten, das 2006 verabschiedet und von der Bundesregierung mitgetragen wurde. Das Konzept sieht eine Verknüpfung der zahlreichen und vielfältigen Mauerorte in Berlin vor, die sich in ihrer thematischen Ausrichtung ergänzen sollen. Für den Checkpoint Charlie und das verbliebene Areal der ehemaligen Grenzübergangsstelle wurde festgelegt, dass hier die internationale Dimension der Berliner Mauer vermittelt werden soll.

Aber in Anbetracht ungeklärter Grundstücksfragen und mittlerweile immenser Grundschulden, die auf den unbebauten Grundstücken lasten, wurde dieser Plan noch nicht dauerhaft umgesetzt. Trotz umfangreicher Bemühungen und einer bürgerschaftlichen Initiative, getragen von PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen, die sich bis heute für die Einrichtung eines „Zentrums des Kalten Kriegs“ am ehemaligen Checkpoint Charlie einsetzt, konnten bislang nur temporäre Angebote geschaffen werden wie eine Bauzaunausstellung und eine kleine Dauerausstellung in der BlackBox Kalter Krieg.

Neue Pläne

Seit wenigen Jahren bemüht sich die Berliner Landesregierung wieder intensiver um eine Qualifizierung des Erinnerungsortes. So verabschiedete 2020 das Abgeordnetenhaus einen Bebauungsplan für die Grundstücke, die eine Gemeinbedarfsfläche von 1.150 Quadratmeter für einen Bildungs- und Erinnerungsort auf dem östlich der Friedrichstraße gelegenen Grundstück an der Zimmerstraße sichert und einen solitären Museumsbau ermöglicht. Auf dem westlich gelegenen Grundstück ist ein Stadtplatz festgelegt, der mehr Platz für die BesucherInnen des historischen Ortes schafft. Im Zuge des Bebauungsplanverfahrens wurden die räumliche Struktur der Grundstücke mit den vorhandenen Spuren des Grenzübergangs und die Brandwände der angrenzenden Gebäude in die Denkmalliste des Landes Berlin eingetragen.

Planungsrechtlich sind somit die Weichen für eine Qualifizierung des weltweit bekannten Erinnerungsortes gestellt. Es bedarf aber noch einer politischen Entscheidung, wie die Realisierung des Bildungs- und Erinnerungsortes erfolgen kann.

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