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Donnerstag, 29. Juli 2021
DIE STIFTUNG BERLINER MAUER TRAUERT UM BEN WAGIN

Mit großer Betroffenheit hat die Stiftung Berliner Mauer die Nachricht vom Tode Ben Wagins am 28. Juli 2021 aufgenommen.

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Prof. Dr. Axel Klausmeier, würdigt den Verstorbenen: „Ben Wagin ist tot. Das ist eigentlich unvorstellbar, denn sein Lebens- und Schaffensdrang war bis zuletzt völlig ungebrochen. Er hat mit seinem jahrelangen Engagement gegen Krieg und Gewalt unsere Stadt und ihre Erinnerungskultur im öffentlichen Raum maßgeblich geprägt. Mit seinem öffentlichen Wirken, seinen zahllosen Baumpflanzungen, insbesondere von Ginkgos, und seinem Setzen von mahnenden Erinnerungszeichen an die Verbrechen beider deutscher Diktaturen, seien es seine Weltbäume oder die Gestaltung von Flächen am S-Bahnhof Savignyplatz, im Tiergarten, am Anhalter Bahnhof und an so vielen Orten mehr, hat er einzigartige politische Statements geschaffen und sein ganz eigenes Erinnerungsnetz über sein geliebtes Berlin gelegt.

Das Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt, das zukünftig von der Stiftung Berliner Mauer betreut wird, ist das bekannteste Zeugnis seines Lebenswerkes. Der letzte authentische Rest des DDR-Grenzregimes im Regierungsviertel ist nicht nur ein wichtiger Teil der Berliner Gedenkstättenlandschaft, sondern zeigt auch, wie bürgerschaftliches Engagement unmittelbar nach der politischen Überwindung der Berliner Mauer durch künstlerische Aneignung einen historischen Ort langfristig erhielt und ihn sukzessive überformte.

Es ist allein Ben Wagins grenzenloser Beharrlichkeit, seiner störrischen Radikalität wie auch seiner großen Emotionalität zu danken, dass diese grüne Erinnerungs-Oase gegen alle politischen und marktwirtschaftlichen Begehrlichkeiten erhalten blieb. Enervierende Telefonate und zunächst rätselhaft erscheinende, doch immer tiefgründige Aussagen waren dabei die Mittel seiner Wahl. Ben, der Schrecken jeder Verwaltung und Feind institutionellen Denkens, war ein sanftmütiger Menschenfänger, der Menschen für sich und seine Anliegen durch seinen natürlichen Charme und seine mitunter schroffe Herzlichkeit gewann. Das Parlament der Bäume im Sinne des Künstlers Ben Wagin und seiner enormen Vision für unsere (Um-)Welt weiterzuführen, zu bewahren und zu vermitteln, ist uns in gleichem Maße Verpflichtung wie Herzensanliegen. Wir werden ihn, seinen Witz, sein Wissen, seine Lebenserfahrungen wie seine Geschichten, seine Rätsel, seine Weisheit und seine grenzenlose Menschlichkeit, aber natürlich auch seine zehrende Sturheit unendlich vermissen.“

Der Umweltaktivist, Baumpate und Aktionskünstler, der sich seit vielen Jahrzehnten für die Aussöhnung einer zur Ruhe kommenden Zivilisation mit der Natur einsetzte, schuf stadtweit zahlreiche außergewöhnliche Erinnerungsorte und stellt in seinem zentralen Werk, dem „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“, den traditionellen Begriff vom Denkmal zur Disposition. Ben Wagin war bereits das grüne Gewissen Berlins zu einem Zeitpunkt, als die gleichnamige Partei noch gar nicht gegründet war.

Schon im Winter 1961 nahm er mit einer Reihe anderer Künstler an einem Bildhauersymposium im Tiergarten teil, das als erste künstlerische Auseinandersetzung die brutale Grenzziehung der Berliner Mauer thematisierte. Zum 9. November 1990 errichtete er den Gedenkort „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“ auf dem Gebiet des ehemaligen Grenzstreifens der Berliner Mauer. Herzstück des 500 Quadratmeter großen, von Wagin besetzten und gegen alle Verwaltungsordnungen verteidigten Gedenkortes für die Toten an der Berliner Mauer wie gegen jede Form von Krieg und Gewalt ist ein Karree aus 16 Bäumen, die 1990 die 16 gesamtdeutschen Ministerpräsidenten pflanzten. Gedenksteine, Zeugnisse der Berliner Grenzanlagen, Blumenbeete, Bilder und Texte ergänzen die Installation. Entstanden ist ein dynamischer, sich stets verändernder Ort der Natur, Erinnerung und Kunst. Er legte diesen Ort zu einem Zeitpunkt an, als sich sonst niemand für das einstige Niemandsland zwischen Ost und West verantwortlich fühlte und schuf damit einen unkonventionellen Nachdenk- und Gedenk-, Erinnerungs- und Erkundungs-Ort. Das „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“ ermöglicht Auseinandersetzung und Diskussion über die Teilung und ihre bis heute sichtbaren Spuren, über Krieg und Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart und ebenso über das wechselvolle Zusammenspiel von Mensch und Natur. Dies wird nicht zuletzt in der gemalten Aussage „Das Fundament eines gemeinsamen europäischen Hauses muss eine intakte Umwelt sein“ deutlich – eine heute mehr denn je bedeutsame Botschaft und Aufforderung.

Die Zukunft des „Parlaments“ ist institutionell gesichert, doch gilt es nun mit ebenso großen Anstrengungen, die weiteren Lebens- und Handlungsorte Wagins, den Garten am Anhalter Bahnhof wie auch sein Atelier in der Joseph-Haydn-Straße langfristig für Berlin zu sichern.


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Kontakt: Hannah Berger | Pressesprecherin Stiftung Berliner Mauer
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