MAUERGESCHICHTEN REVISITED

 

Mit dem Projekt „Mauergeschichten revisited“ erweitert die Stiftung Berliner Mauer - in Kooperation mit den Organisationen Each One Teach One (EOTO) e.V., korientation e.V., dem Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) e.V. und Amaro Drom e.V - die bisherigen Erzählungen an ihren Standorten. Bisher marginalisierte, unberücksichtigte und ausgeschlossene Perspektiven auf und Geschichten zu Teilung, Mauerfall, Wiedervereinigung und Wendezeit in der postmigrantischen Gesellschaft sollen in die Vermittlungspraxis aufgenommen werden. Damit hinterfragt das Projekt kritisch den bisherigen Erzählkanon sowie Sprache und Ansprache der Stiftung in Hinblick auf Rassismen und Ausschlüsse. Ziel ist es, den Blick auf Migration und Repräsentanz in Erinnerungskultur(en) der Wiederver­einigung zu schärfen, multiperspektivische und multidirektionale Erinnerungsräumen zu gestalten und letztlich die plurale Erinnerungskultur(en) einer diversen Gesellschaft an den verschiedenen historischen Orten der Stiftung nachhaltig zu etablieren. Die Finanzierung erfolgt über die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien.

1989/90 war Deutschland bereits durch Migration und Einwanderung geprägt. In Ostdeutschland lebten über 90.000 VertragsarbeiterInnen und mehr als 10.000 Studierende aus Vietnam, Mosambik, Kuba, Angola und anderen sozialistischen Staaten. Im wiedervereinigten Deutschland war ihr Aufenthalts­status lange nicht geklärt, viele mussten das Land verlassen. In West-Berlin und Westdeutschland hatte sich durch mehrere Jahrzehnte der Migration – vor allem, aber nicht ausschließlich aus der Türkei, Jugoslawien und dem südlichen Europa – eine vielfältige Gesellschaft herausgebildet. Viele der migrantischen Wohnviertel West-Berlins lagen im Schatten der Mauer in Kreuzberg und Wedding, die in der Wendezeit zur neuen Mitte der Stadt wurden.

Wie waren diese Migrationsgeschichten in Ost und West eingebettet in global­politische Zusammenhänge und Rivalitäten des Kalten Krieges? Wie erlebten Menschen mit eigenen oder familiären Migrationserfahrungen und PoCs (People of Colour) in Ost und West den Mauerfall und die darauffolgende Transformationsphase? Wessen Geschichte des Mauerfalls wird bis jetzt wie und von wem er/zählt? Wer und was wird erinnert und vergessen? Welche diversen Erinnerungen an Teilung, Mauerfall und Wendejahre existieren in der heutigen postmigrantischen Gesellschaft, und in welchen Wechselwirkungen stehen sie? Mit diesen Leitfragen identifizieren und erforschen Recherchierende aus verschiedenen postmigrantischen Communities nicht erzählte/unbe­rücksichtigte „Mauergeschichten“ als Leerstellen bestehender Gedenkstättenforschung und -praxis. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für ein neues Curriculum und werden in die Vermittlungspraxis überführt. Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist die Diversifizierung der Vermittlungspraxis durch die Qualifizierung von Menschen mit eigener oder familiärer Migrations-/Fluchterfahrung und Menschen mit Rassismuserfahrung/People of Color,die aktiv Wissen vermitteln und an der Bildungsarbeit mitwirken können.

Sie tauschen sich mit den Personen aus, die bereits in der Vermittlungsarbeit der Stiftung tätig sind, so dass die bestehenden Erinnerungsräume neu erschlossen und erweitert werden. Damit sollen nicht allein bestehende Narrative ergänzt, sondern verflochtene Geschichten und Perspektiven einer postmigrantischen Gesellschaft erzählt und vermittelt werden.

Die Leitung des Projekts „Mauergeschichten revisited“ liegt bei Dr. Sina Emde (emde@stiftung-berliner-mauer.de). Zum Projektteam gehören die Leiterin der Abteilung Historisch-politische Bildung Dr. Bettina Effner sowie Kathrin Steinhausen, Birgit Wienand und Dr. Gülsah Stapel als Mitarbeiterinnen der Abteilung. .

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